Was ist Tantra wirklich?

Was ist Tantra wirklich?

Obwohl Tantra extrem populär geworden ist, verstehen viele nicht, worum es wirklich geht. Wenn ich Menschen erzähle, dass ich Tantra Massagen und Kurse anbiete, stoße ich auf viele falsche Vorurteile. Die meisten denken, es geht um Sex, Orgien, Kamasutra-Posen oder sogar schwarze Magie. Wie allgemein angenommen wird, ist Tantra jedoch keine sexuelle Lehre. Aber was ist Tantra wirklich und warum wurde es auf die sexuellen Praktiken reduziert?

Es gibt viele Möglichkeiten, Tantra zu beschreiben, und jede Tradition, jeder Lehrer, jeder Schüler hat wahrscheinlich eine etwas andere Erklärung. Die rund 5.000 Jahre alte Philosophie des Tantra stammt aus Indien und ist in ganz Asien verbreitet.

Die Bedeutung des Wortes Tantra

Es gibt verschiedene Interpretationen für das Wort Tantra, das aus der Sanskrit-Sprache stammt. Die Verbwurzel „tan“ kann „weben, erweitern, dehnen, verformen, verlängern“ bedeuten und „tra“ wird als „loslassen oder retten“ übersetzt. Dies lässt viel Raum für Interpretationen. Man kann es als Instrument zur Erweiterung unseres Bewusstseins bezeichnen oder als die Lehre des Tantra, die uns verdeutlicht, dass wir alle miteinander verbunden sind.

Die philosophische Definition

Der Mensch wird als Teil eines großen Universums betrachtet. Ein Teil der Einheit, in dem nichts abgelehnt oder ausgegrenzt wird, weil alles göttlich ist. Wir sind der Raum, der alles enthält und die Dualität (positiv – negativ, Yin – Yang, hell – dunkel, Materie – Energie, weiblich – männlich, Expansion – Kontraktion) wird als notwendig angesehen.

Es geht darum, im Hier und Jetzt, ohne moralische Bewertungen zu erfahren, zu akzeptieren, zu lieben, in Einheit mit sich selbst und in bedingungsloser Liebe zu leben, unsere eigene Dualität zu entdecken und unser ganzes Wesen (Körper, Geist, Herz und Seele) zu lieben.

Kurz gesagt, vielleicht könnte man es eine spirituelle Technik nennen, um das innere Universum zu studieren, einen Weg, sich zu entwickeln und sich zu befreien. Und mit strengen und fortgeschrittenen Praktiken kann es sogar ein Weg zur spirituellen Erleuchtung (Samadhi) sein.

Hast Du das Gefühl, dass Tantra nur etwas für disziplinierte und absolut engagierte Praktizierende ist? Tatsächlich bietet Tantra viele Werkzeuge und Techniken, die jedem in seiner persönlichen Entwicklung weiterhelfen können. Ausserdem können die täglichen, gewöhnlichen Aktivitäten spirituell erlebt werden. Tantra ist nicht dogmatisch, aber es ist sehr rituell und zutiefst hingebungsvoll. Die Techniken konzentrieren sich hauptsächlich auf die Kultivierung und Aktivierung der Kundalini-Energie.

Tantra ist einer von vielen Yoga Wegen

Überrascht? Viele denken nur an komplizierte Körperhaltungen und vielleicht an Entspannung und Meditation, wenn sie das Wort Yoga hören. Yoga bedeutet wörtlich „Vereinigung“ und bezieht sich auf die Vereinigung zwischen Körper, Geist und Seele sowie zwischen dem individuellen Selbst und dem universellen Bewusstsein. Yoga geht mit seinen einzigartigen Eigenschaften und Funktionen verschiedene Wege, die sich manchmal auch überschneiden. In der Serie „Exploring the Yogic Path“ auf Gaia.com kannst du mehr über diese Wege erfahren:

  • Karma Yoga: Das Yoga der Aktion. Es ist der Weg des selbstlosen Dienens. Wohltätige Taten werden als Opferakt für das Göttliche gänzlich uneigennützig ausgeführt.
  • Jnana Yoga: Dies ist der Weg des Wissens und der Weisheit um sich über das Streben nach Erkenntnis der letzten Wahrheit und über die Meditation mit dem Göttlichen  zu verbinden.
  • Bhakti Yoga: Der Pfad der liebenden Hingabe zu Gott, der das Gefühl des Getrenntseins auflöst. Zu den verschiedenen Praktiken die genutzt werden um das Gefühl der Liebe und Hingabe zu verstärken, gehören unter anderem Rituale, Tänze, Gesänge, das Zitieren von Mantras, das ständige Wiederholen und Denken seines Namen und Tempeldienste.
  • Hatha Yoga: Dies ist wohl die bekannteste und meist ausgeübteste Form des Yoga.  Sie beinhaltet Asanas (Yogastellungen), Pranayamas (Atemübungen), Bandhas (Zusammenziehen von Muskeln), Shatkriyas (innere Reinigungsübungen) und Mudras (Hand-und Körperhaltungen). Ein physisches und mentales Yoga um den Geist und den Körper vorzubereiten.
  • Raja Yoga: Auf diesem königlichen Yoga Weg wird die Entwicklung und Beherrschung des Geistes angestrebt und die Meditation steht im Mittelpunkt. Es handelt sich um eine Disziplin bei der die Meisterschaft über Körper und Geist angestrebt wird. Als Basis des Raja Yoga gilt der achtgliedrige Pfad von Patanjali.
  • Kriya Yoga: Kriya Yoga ist eine fortgeschrittene Variante des Raja Yoga in der man mit Meditation und Atemkontrolle zum göttlichen Selbst finden kann. Kriyas verstärken und beleben die subtile, vitale Energie in der Wirbelsäule und im Kopf.
  • Nada Yoga: Der Pfad der Klangs. Die Vereinigung des individuellen Geistes mit dem kosmischen Bewusstsein über den Klang durch kontemplatives Lauschen, das Wiederholen von Mantren, Musizieren, Kirtansingen oder die Konzentration auf Geräusche aus der Natur.
  • Kundalini Yoga: Das Yoga der Energie. Diese Art des Yoga basiert auf verschiedenen Yoga-Pfaden und die Übungen beinhalten Atmung, Kriyas, Mantras, Bandhas  und Entspannung. Diese besonders spirituelle Form setzt auf die Aktivierung und das Aufsteigen der Kundalini über die Energiekanäle.
  • Tantra yoga: Ist bekannt für seine Rituale. Tantra Yoga kombiniert und verwebt die verschiedenen Yogapfade und lässt das Wissen aus Astrologie, Numerologie, Ayurveda, Geometrie, etc mit einfliessen. Die tantrischen Wege teilen sich auf in:

Den „Weg der rechten Hand“ (Dakshina Marga), der die Praxis von Asanas, Pranayama und Meditationen verwendet, um die höchsten Bewusstseinszustände und die vollständige Befreiung zu erreichen.

Den „Weg der linken Hand“ (Vama Marga), der ausserdem die heilige Sexualität beinhaltet. In solchen tantrischen Übungen wird die Kundalini-Energie, die mächtigste lebenserzeugende Energie, kontrolliert und nach oben bewegt, um sie zur Krone des Kopfes zu bringen, um mit der Göttlichkeit zu verschmelzen, höhere Bewusstseinszustände und sogar Samadhi zu erreichen. Der Körper wird als lebendiger Tempel betrachtet, nicht als bloßes physisches Vehikel des Geistes und die sexuelle Energie wird als göttliche Energie betrachtet, die spirituelle Transformation bringt. Diese göttliche Energie heißt eigentlich Shakti, das göttliche, weibliche Prinzip, die Mutter Erde, die göttliche Mutter. Und das Bewusstsein ist Shiva, das göttliche männliche Prinzip, der himmlische Vater, der Geist. Jede Frau und jeder Mann hat einen bestimmten Anteil an weiblicher und männlicher Energie. Mann und Frau werden als heilig und göttlich verehrt und als Verkörperungen göttlicher Prinzipien geachtet. Die sexuellen Riten dienen der Vereinigung von Gottheiten, die sich in einem heiligen Tanz befinden, um Befreiung zu erreichen und Macht zu erzeugen.

Warum gibt es so viele Missverständnisse und Vorurteile über Tantra?

Leider wurden sexuelle Riten, die nur einen kleinen Teil der tantrischen Lehren ausmachen, von Westlern aus der hingebungsvollen und rituellen tantrischen Kultur extrahiert. Vielleicht war eine zu lang unterdrückte Sexualität, der Grund, nur diesen kleinen Teil zu entnehmen oder vielleicht um kommerziellen Gewinn zu erzielen. Sex verkauft sich und alles, was Vergnügen erzeugt, ist leicht zu vermarkten. Schuld sind nicht nur die Westener. Die orientalischen Lehrer haben natürlich auch einen Teil der Kultur ihrer Nation verkauft. Im Endeffekt wird Nutzen gezogen aus der gewissen sexbesessenen Natur des Menschen, um Wünsche zu befriedigen. Hoffentlich steigt das Bewusstsein und Tantra wird von immer mehr Menschen als das gesehen, was es wirklich ist.

Tantrische Beziehungen und Sexualität

Apropos Missverständnisse…. Eine tantrische Beziehung ist kein Synonym für eine erotische polyamorösen Beziehung und völliger sexueller Freiheit.

Eine tantrische Beziehung ist eine Reise bei der beide Partner den gemeinsamen Wunsch und das Engagement für der Evolution haben. Es ist ein Weg des Wachstums in Liebe und Bewusstsein. Beide ermutigen und helfen sich gegenseitig, das Leben bewusster zu leben. Ein bewusstes Leben zu führen kann eine Herausforderung sein, und unser Partner kann uns helfen, uns auf liebevolle Weise darauf aufmerksam zu machen, wenn wir uns verirren.

Ein tantrisches Paar konzentriert sich auf die Liebe. Nicht auf die romantische Märchenliebe, sondern darauf den Partner vollständig und mitfühlend zu akzeptieren und zu umarmen. Sich gegenseitig zu unterstützen und die Gedanken offen und aufrichtig auszutauschen. Dies kann ein verletzlicher Prozess sein, der dennoch zu tiefer Intimität führt.

Beim Tantra Yoga geht es um Vereinigung. Hier beziehe ich mich nicht nur auf die Vereinigung eines Paares, sondern auf die Vereinigung mit allen Aspekten von sich selbst. Es geht darum, alle unsere Aspekte zu akzeptieren. Das Lernen, uns selbst zu lieben, ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg und hilft unseren Beziehungen zu gedeihen.

Das individuelle und gemeinsame Lernen, Anwenden und Erleben authentischer tantrischer Lehren mit einer hingebungsvollen Haltung, wird uns helfen, spirituell zu wachsen und ein gemeinsames Ziel zu haben.

Tantrische Sexualität ist kein Wettlauf um den Orgasmus und die Freisetzung aufgestauter Energien, sondern ein langsamerer, intimerer, bewusster und energetischer Liebesakt in einem heiligen Raum, der mit Liebe vorbereitet ist. In diesem Akt des Liebesspiels ehren wir das Göttliche in unserem Partner. Natürlich kann es Momente feuriger und wilder Leidenschaft geben, aber immer mit einem Gefühl der Zusammengehörigkeit und Verbindung mit dem tiefen Blick und dem Gebrauch aller unserer Sinne.

Sexuelle Energie ist die mächtigste universelle Energie. Sie schafft Leben! Tantrische Yogis waren sich des Potenzials dieser Elementarkraft bewusst. Die Nutzung dieser kraftvollen Energie kann uns erstaunliche Freude und Orgasmen bringen. Durch das Üben werden wir sensibler für unsere Energien und die Energien unseres Partners und können so eine besondere und tiefe Intimität und Verbindung verschaffen, die sich auf allen Ebenen in der Beziehung bemerkbar macht.

Die Tantramassage, wie sie heute durchgeführt wird, ist eine Kreation des Neo-Tantra, die nicht aus den ursprünglichen tantrischen Lehren abgeleitet ist. Sie basiert jedoch auf den Grundlagen des Tantra und der Kontrolle der Energie. Diese ganzheitliche Körperarbeit mit therapeutischem Charakter bietet viele Wege zu höheren tantrischen Lehren und zur Erweiterung des Bewusstseins. Wenn Du mehr über Tantramassagen erfahren möchtest, dann lade ich Dich ein, die folgenden Artikel zu lesen: Tantramassage für Frauen & Tantramassage für Männer.

Überrascht Dich der Reichtum des Tantra? Bist du bereit für eine tantrische Reise? Dann melde dich.